Blättern  

Suche

Suche
WestEnd Logo

Anderland
Den Brysomme mannen / Der unbequeme Mann

Norwegen, Island 2006

DVD 90min

Standort

WestEnd Drama - Europa & Welt

Sprachen
Deutsch   
Regie
Jens Lien
Drehbuch
Per H. V. Schreiner
Kamera
John Christian Rosenlund
Musik
Ginge Anvik
Schauspiel
Per Schaaning, Bjørn Jenseg, Anders T. Andersen, Trond Fusa Aurvåg, Petronella Barker, Ellen Horn, Johannes Joner, Birgitte Larsen
Awards
Cannes für Jens Lien
Amandaprisen für Jens Lien, Trond Fusa Aurvåg, Per H. V. Schreiner
Genre
Drama, Komödie
Stichworte
Selbstmord, Amnesie
Inhalt
Groteske Satire im Stil von "Brazil". Andreas ([[Trond Fausa Aurvaag]]) verschlägt es in eine fremde Stadt. Über das Wie? und Warum? macht er sich anfangs keine Gedanken denn sein Leben gestaltet sich von da an sehr angenehm. Bis er Ingeborg (Birgitte Larsen) kennen lernt. Plötzlich sieht er die Stadt ganz anders und versucht der Eintönigkeit und Emotionslosigkeit zu entkommen. - Ausgezeichnet mit dem Grossen Preis der Jury des Neuchâtel Int. Fantastic Film Festival.

Kommentare

4 Punkte von Lars Tuncay:
Ein Mann springt vor einen herannahenden Zug. Er erwacht in einem Bus, bärtig, heruntergekommen, als wäre er Ewigkeiten unterwegs gewesen. Das Fahrzeug hält inmitten einer Einöde. Ein Fremder nimmt den Mann, Andreas, in Empfang, transportiert ihn in die nächste Stadt, wo man ihm ein Haus und eine Arbeit als Buchhalter zuteilt. Alle wirken freundlich, aber gleichermaßen oberflächlich, distanziert. Das Interieur der Häuser gleicht Bildern in Einrichtungskatalogen. Alles ist sauber und ordentlich. Keine Musik ist zu hören, kein Kinderlachen. Die völlige Abstinenz von Liebe und Wut macht Andreas stutzig und die Worte eines Typen in der Bar setzen sich wie ein Virus in seine Gehirnwindungen fest: warum ist hier alles fad – Essen, Alkohol und sogar der Sex? Trotzdem versucht Andreas in dieser Welt zu leben, geht seinem Job nach und sucht sich eine Frau. Doch seine Sehnsucht nach Emotionen treibt Andreas schließlich zur Suche nach einem Ausgang. Der Mensch rekonstruiert das Diesseits im Jenseits – eine gar nicht mal so abwegige Vision, die der Norweger Jens Lien da auftischt. Er filmte seine Odyssee in tristen Bildern. Seine kafkaeske Welt mitsamt den grau gewandeten mysteriösen Männern im Mini-Van zitiert die Klassiker von Orwell bis Jeunet. Im Mittelteil verliert er sich ein wenig in der Normalität, inszeniert eine Liebesgeschichte in einer Welt ohne Liebe und verpackt sie als Kritik an der Gesellschaft unserer Welt zu verstehen. Am Ende findet er aber wieder zum Mann und seiner Mission zurück – seiner Flucht aus diesem surrealen Alptraum aus Reihenhaus und Ikeamöbeln.

3 Punkte von Susanne Schulz:
Es scheint eine Tendenz unter jungen norwegischen Filmemachern zu geben, sich mit dem Wohlstand und der sozialen Struktur ihres Herkunftslandes kritisch auseinanderzusetzen. Fast zeitgleich bringen Joachim Trier und Jens Lien ihre Filme auf den deutschen Markt. Interessanterweise besuchten auch beide Regisseure die Internationale Filmschule in London. Doch anders als Trier, der in „Auf Anfang“ eine Freundschaft zweier junger Schriftsteller, die in den besseren Osloer Kreisen verkehren, realitätsnah erzählt, wird Liens Hauptfigur Andreas (Trond Fausa Aurvag) mittels eines alten Busses in eine künstliche Welt transportiert, die wohltempariert grau und durchgestylt ist. Er bekommt eine Wohnung und eine Stelle als Buchhalter zugewiesen. Seine neuen Kollegen sind alle ausnehmend freundlich, allerdings muss Andreas feststellen, dass die Nahrung an seinem neuen Bestimmungsort nach gar nichts schmeckt und es weder Gerüche noch Tiere oder Kinder gibt. Stattdessen gleichgeschaltete, gefühlsneutrale menschliche Beziehungen, die sich hauptsächlich in edel eingerichteten Wohnzimmern, an stylisch gedeckten Tischen abspielen und den intellektuellen Unterhaltungswert eines Einrichtungskataloges verströmen. Erschreckt bemerkt Andreas, dass selbst körperliche Liebe keine Endorphine freizusetzen vermag, sondern nur als mechanischer Akt fungiert, den man absolviert, um sich dann wieder der Wohnungsdekoration zu widmen. Die Frauen sind zwar schlank, schön und elegant gekleidet aber langweilig. Und das Schlimmste: dieser Welt kann man nicht entrinnen, denn selbst der letzte Akt der Selbstbestimmung - sich selbst das Leben zu nehmen, wenn man dieses nicht mehr leben will – bleibt einem verwehrt. Liens Versuch die übersatte Wohlstandsgesellschaft als Hölle auf Erden zu stilisieren, in der man sich gerade in den skandinavischen Ländern besonders gemütlich eingerichtet hat, gerät allerdings etwas flach und vorhersehbar. Das berühmte Loch in der Wand, durch das man einen Zipfel echten Lebens und Apfelkuchenduft erhaschen kann, bevor es zurück in die gefühlskalte Wüste unserer Zeit geht, erinnert an die Drehbuchvorlagen ambitionierter Filmhochschüler, deren Lieblingsfilm „Brazil“ ist. Dann lieber den Trier ansehen, der kratzt an der Oberfläche seiner Figuren und ist sehr nah dran am armen reichen Leben im gut situierten Norwegen.

© der Film- und Personenbilder beim jeweiligen Studio/Vertrieb