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Die Unbekannte
La Sconosciuta

Frankreich, Italien 2006

DVD 116min

Standort

WestEnd DVD-Katalog/ Thriller

Sprachen
Deutsch, Italienisch   
Untertitel
Deutsch   
Regie
Giuseppe Tornatore
Drehbuch
Giuseppe Tornatore, Massimo De Rita
Kamera
Fabio Zamarion
Musik
Ennio Morricone
Produzent
Laura Fattori
Schauspiel
Angela Molina, Pierfrancesco Favino, Margherita Buy, Claudia Gerini, Gisella Marengo, Michele Placido, Kseniya Rappoport, Piera Degli Esposti, Clara Dossena, Alessandro Haber
Genre
Drama, Thriller
Stichworte
Mutter-Tochter, Psychothriller
Inhalt
Irena (Kseniya Rappoport), eine Ukrainerin in Italien, die von traumatischen Erinnerungen heimgesucht wird, sucht die Nähe zu einer Familie, deren Tochter sie für die eigene hält. - Ausgezeicnet mit zahlreichen Filmpreisen, u.a. dem David di Donatello, 2007 und dem Publikumspreis des Europäischen Filmpreises 2007.

Kommentare

1 Punkte von Björn Siebert:
Tornatore ist nach sechs Jahren filmfreier Zeit "back from the dead". Nach Der "Zauber von Malèna" meldet er sich nun mit "Die Unbekannte" bei seinen Fans, und zwar nicht nebenbei oder durch die Hintertür sondern gleich mit dem Vorschlaghammer zurück. Der Film, ein Puzzelspiel oder auch Verwirrspiel, ist leider nicht so geglückt wie einem das die Festivalpreise weis machen wollen. Erstes Problem: Tornatore hat ein Drehbuch das ausschließlich aus Handlung zu bestehen scheint geschrieben. Daraus folgt: Der Film ist rastlos, viel zu schnell und dabei geht das was man Authentizität nennt verloren. Auf der Strecke bleibt dabei auch das Drama, das eigentliche Thema des Films, das um eine Geschichte um Mißbrauch, Prostitution Babyhandel und Sklaverei kreist. Zwar läßt Tornatore das Publikum geschickt im Unwissen ob es sich hier nun um einen Vergangenheitsbewältigung oder um das Bedürfnis nach Rache handelt. Am Ende sind beide Fährten falsch, da Tornatore aus seinem Konstrukt aus wild und durcheinander geschnittenen Rückblenden, kitschigen Liebesfilmmomenten und beinharten Gewaltszenen (Dario Argento lässt grüßen) vollkommen vergessen hat, eine moralische Botschaft zu artikulieren. So bleibt das Themen des Traumas nur Folie zum Spannungsaufbau und Gelegenheit für die Hauptdarstellerin bedeutungsschwanger einen Kollaps zu spielen. Da wäre also das nächste Problem: Die Darsteller sind zwar ständig in Bewegung, jedoch bleibt kaum Raum für sie, ihre Rollen wirklich zu entwickeln. Bis zum kitschigen Ende steuert der Film auf das zu, was wir aus dutzenden Hollywoodfilmen der letzten Jahre kennen: "Das Mehrfachfinale". Die Thriller der letzten Jahrzehnte vertrauen nämmlich nicht mehr auf ein Ende sondern wollen den Zuschauer in den letzten Minuten gleich mehrmals bei Laune halten. So nah Tornatore auch am italienischen Genrefilm und speziell am Giallo ist, er hat aus der Kraft von Erotik und drastischer Gewalt, Licht und Schatten, Musik und Kamera wenig gelernt. Es scheint als würde Tornatore formel lieber Hitchcock zitieren, aber über den Umweg von Filmen von Argento, Bava und Sergio Martino. Der Giallo war allerdings vom Wesen her kein wirklich adrenalinhaltiges Produkt, sondern hangelte sich von Szene zu Szene, meist vollkommen ohne großen nennenswerten Höhepunkt. Reduktion war damals das Zauberwort. Vielleicht hätte Hitchcock einen so plottorientierten Film gemacht, jedoch hätte er mit Sicherheit mehr psychologischen Tiefgang eingebaut. Dass die Orchester-Musik (immerhin von Morricone und merklich an die Hitchcock/Herman Scores angelegt) nicht gut gelungen ist und die Techno-Elementen (wenn die Gewalt hereinbricht) nerven, ist dann nur noch eine Randbeschwerde. "Die Unbekannte" hätte ein subtiler Psychothriller über weibliche Rache werden können, alle Zutaten sind im Drehbuch tatsächlich angelegt, man hätte sich nur auf die psychologischen Momente konzentrieren müssen anstatt die abstruse Handlung weiterzuspinnen. Und dieser Vorwurf läßt sich nicht so schnell aus der Welt schaffen: Indem Tornatore wie ein Stück Pulp Fiction, in grell bunten Bildern nackte, gefesselte und geschundene Frauen ausstellt und ihr Schicksal als Sexsklavinnen wie in einem Giallo der 70er mit sichtlicher Freude, reißerisch und voyeuristisch inszeniert, muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, seine Hauptfigur im Grunde ein weiteres Mal zu missbrauchen. Mit dieser dreisten Mischung aus b-mäßigem Rachethriller, ernstem Sozialdrama über Menschenhandel und Psychoporträt einer um Erlösung bettelnden Frau hat Tornatore seine Zeit als Cinema Paradiso Regisseur nun endgültig hinter sich gelassen, nur leider hat er sich dabei kräftig im Ton vergriffen.

4 Punkte von Lars Tuncay:
Wie so oft und gerne bin ich da völlig anderer Meinung, Herr Kollege. Versteift man sich nämlich nicht auf die zweifelsfrei naheliegenden filmgeschichtlichen Vorbilder oder betrachtet Tornatores Film losgelöst davon, bleibt "Die Unbekannte" ein extrem spannendes und höchst fesselndes Racheporträt, dass seine Diskussionswürdigkeit nicht unbedingt aus den expliziten Szenen heraus verdient, sondern vor allem aus der Radikalität des Erzählten.

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