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Chiko

BRD 2008

DVD 90min

Standort

WestEnd Gangsterfilm

Sprachen
Deutsch   
Untertitel
Deutsch   
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Regie
Özgür Yildirim
Drehbuch
Özgür Yildirim
Kamera
Matthias Bolliger
Produzent
Fatih Akin, Klaus Maeck
Schauspiel
Moritz Bleibtreu, Fahri Yardim, Denis Moschitto, Lukas Gregorowicz, Peter Jordan, Hans Löw, Lilay Huser, Neil Malik Abdullah, Simon Goerts, Henny Reents, Philipp Baltus, Murat Karaman, Reyhan Sahin, Volkan Özcan
Genre
Gangsterfilm, Drama
Stichworte
Drogen, Freundschaft, Rache, Prostitution
Inhalt
Die Freunde Chiko (Denis Moschitto) und Tibet (Volkan Özcan) träumen von einer große Karriere im Drogenmilieu, von Ehre und Reichtum. Brownie (Moritz Bleibtreu) bringt die beiden ins Geschäft und damit trennen sich ihre Wege. - Ausgezeichnet mit dem Drehbuchpreis 2008 bei den Nordischen Filmtagen.

Kommentare

3 Punkte von Lars Tuncay:
Der kulturelle Beitrag der türkische Community macht sich hierzulande besonders in der Musik, genauer gesagt im HipHop bemerkbar. Mit „Chiko“ kommt nun das filmische Equivalent der Songtexte in die Kinos. Gangster, „Bitches“, dicke Schlitten – hier wird kein Klischee ausgelassen. Das im Migrantenmillieu angesiedelte Langfilmdebüt von Özgur Yildirim versteht sich als reines Genrestück. Es sei losgelöst von seinem Umfeld zu betrachten, sagt der Regisseur. Dennoch ist es gerade die Kultur und Ausdrucksweise junger Deutschtürken, die er authentisch einzufangen vermag. Musik und Sprache werden vor allem jugendliche Kinogänger ansprechen. Mit dem aufstrebenden Gangster Chiko verfügt der Film allerdings über eine zweifelhafte Identifikationsfigur. Die Rechtfertigung für die Taten ist fadenscheinig, der sympathische Held eigentlich ganz in Ordnung, nur die anderen bauen Mist – und wenn die ins Gras beißen, haben sie’s schließlich verdient. Auch wenn Yildirims Geschichte am Ende moralisch daher kommt, ist die Gefahr, Chiko und sein Handeln cool zu finden, nicht unwahrscheinlich. Zumal die moralische Instanz in Form von Ordnungshütern in „Chiko“ völlig abwesend ist. Chikos Welt besteht aus Drogen, Prostituierten und schnellen Autos – soweit so klischeehaft. Regisseur Yildirim rechtfertigt dies damit, dass sein Protagonist genau diesen, von amerikanischen Gangsterfilmen vorgesetzten Lebensstil erreichen will. Das Leben kopiert die Kunst. Seine Vorbilder sind überdeutlich in den Filmen Scorseses, Coppolas und De Palmas zu finden, doch zunehmend verkommt Yildirims Debüt zum reinen Abziehbild der unerreichbaren Idole. Ein Nagel im Fußknöchel als branchenübliche Bestrafung, ein Schlag ins Gesicht der Mutter, als familiärer Racheakt – Yildirim will schockieren, um seiner Botschaft Nachhaltigkeit zu verleihen. Die Gewaltdarstellung erscheint in ihrer unvermittelten Drastik jedoch als bewusste, billige Provokation. Dadurch dass sie unmittelbar heraus sticht aus einer ansonsten recht zahmen Handlung, wirkt sie umso brutaler. Dem Film in Zeiten von Roland Koch, „Tatort“-Folgen um Ehrenmorde und der Diskussion über gesellschaftliche Gewalt, Integration und Abschiebung eine politische Dimension zuzusprechen ist allerdings zu viel des Guten. Damit spricht man ihm eine Bedeutung zu, die er nicht verfolgt und auch nicht im Ansatz erreicht. Schade, denn so verschenkt er die Möglichkeit wirklich relevant zu sein.

1 Punkte von Björn Siebert:
Ich dachte solche Filme gehen heute gar nicht mehr, aber die deutsche Kinoförderungskultur überrascht einen ja immer wieder. Erstes Highlight des Kinojahres 2008: Uli Edel, in Amerika aussortierter Allesfilmer, durfte den Baader-Meinhof-Komplex zersägen. Was sich allerdings die Filmförderung Hamburg-Schleswig Holstein geleistet hat übertrifft nochmals Eichingers Produktionsideen um Längen: Ein türkischer Gangsterfilm in Hamburg gedreht, das Drehbuch von Scorseses Mean-Streets geklaut, der Rest bei DePalmas Scarface abgekupfert mit ein wenig Coolness von Tarantino angereichert, dazu verwackelte Handkamera, deutsche Schulhof Atmosphere und Geräusche aus dem Reich der Hölle, also deutscher Hip-Hop, Musik ist ja was anderes. Ausgezeichnet mit dem Drehbuchpreis 2008 bei den Nordischen Filmtagen? Da hatte die Jury wohl zuviel Flensburger getrunken. Wen eingentlich ausgezeichnet? Martin Scorsese oder De Palma? Adaptiert müsste man das eingentlich nennen, das klingt aber noch viel zu nett. Eher: Etabliertes kopiert und zusammengeklebt, durchgepaust, standardisiert und hingerotzt. Das ist so dämlich, da fällt mir nichts mehr zu ein. Keine Sekunde hat man das Gefühl hier irgendeiner deutschen Realität auf den Spuren zu sein, denn alles zitiert den amerikanischen Gangsterfilm. Das Ergebnis kann natürlich nicht gegen die Sternstunden von De Palma, Scorsese oder Coppola anstinken. Wie ein moderner europäischer Gangsterfilm aussehen muss, hat Matteo Garrone dieses Jahr mit "Gomorrha" bewiesen. Aber der stand auch auf der richtigen Seite, wollte sich nicht in seiner Coolness von blutroten Gewalthandlungen und derben Sprüchen gemütlich im Jugendzimmer der Kids einrichten. Chiko ist ein Gewaltporno, ohne Hirn und Substanz, ohne Hose, ohne Eier und ohne Gefühl, produziert von Fatih Akin. Wenn das die deutschen Nachwuchsfilmer sein sollen und wenn das ein Fall für die Filmförderkultur ist, dann sehe ich für die Zukunft Zappenduster. Hoffentlich war das nur ein Ausrutscher. Gott, was für ein oberpeinlicher Witz von einem Film.

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