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Jakob der Lügner

DDR, Tschechoslowakei 1975

DVD 96min

Standort

WestEnd Regisseure A-Z

Sprachen
Deutsch   
Untertitel
Englisch, Französisch, Spanisch, Hebräisch   
Regie
Frank Beyer
Kamera
Günter Marczinkowsky
Musik
Joachim Werzlau
Produzent
Herbert Ehler
Literaturvorlage
Jurek Becker
Schauspiel
Armin Mueller-Stahl, Henry Hübchen, Hermann Beyer, Vlastimil Brodsky, Erwin Geschonneck, Klaus Brasch, Friedrich Richter, Peter Sturm, Paul Lewitt
Awards
Berlinale: Silberner Bär - Bester Darsteller für Vlastimil Brodsky
Stichworte
Nationalsozialismus, Literaturverfilmung
Inhalt
Ende 1944 stärkt ein Mann in einem polnischen Ghetto durch teils erfundene Geschichten über den Vormarsch der als Befreier erwarteten Sowjets den Überlebenswillen der Menschen. Eindrucksvoll gespielte Verfilmung des Romans von Jurek Becker. Wurde 1977 für den Oscar nominiert. Hollywood-Remake 1999/2000 mit Robin Williams.

Kommentare

5 Punkte von Liv:
Meiner Ansicht nach, legte Frank Beyer mit "Spur der Steine" sein großartigstes filmisches Werk ab - schwer für die Nachfolger da mitzuhalten. Mit "Jakob der Lügner" begibt sich Beyer nun dann auch auf neues Terrain - und erschafft mit diesem Film ein zutiefst humanistisches Filmwerk. Dem Thema der Menschlichkeit in einem problematischen System bleibt Beyer in seiner Arbeit treu. Diese Romanverfilmung - ein schwieriger Gegenstand - ist zwar mitunter weitgehend konventionell inszeniert, doch vor allem großartig gespielt.

5 Punkte von Inti:
Mit seinem Diktum: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ verschaffte Theodor W. Adorno 1949 seinen Zweifeln Ausdruck, ob es jemals eine angemessene künstlerische Form geben wird, den Holocaust – die Vernichtung der europäischen Juden – darzustellen. Wenn sich Filmregisseure an dieses Thema herangewagt haben, dann sind es meist viel beachtete und gepriesene Annäherungen geworden, man denke nur an Steven Spielbergs „Schindlers Liste“, Radu Mihaileanus „Zug des Lebens” oder Roberto Benignis „Das Leben ist schön“. Gerade der letztere, 1999 mit drei Oscars und zahllosen anderen Preisen bedachte Film gilt zu unrecht als erste komödiantische Annäherung an die Shoa. Schon 1974 entstand in der DDR trotz jahrelanger Querelen, dank des weltweiten Erfolgs von Jurek Beckers Romanvorlage, „Jakob der Lügner“ unter der Regie von Frank Beyer. Das Drehbuch hatte Becker schon 1966 vorgelegt, doch die Verfilmung wurde verhindert, so dass er es in einen Roman umschrieb. Ganz im Gegensatz zum hektisch-albernen Werk Benignis, dem infolge der Wahl einer infantilen Perspektive auch Verharmlosung vorgeworfen wurde, gelingt es ihrer tragikomischen Inszenierung das Grauen umso schärfer zu konturieren. Ihnen ist ein rundum begeisterndes Werk gelungen, das sich im filmischen Schaffen der DDR erst- und einmalig ausschließlich mit dem Schicksal der Juden unter der Naziherrschaft beschäftigt, standen sonst doch eher politisch Verfolgte oder durch die Nazidiktatur ihrem Land entfremdete Menschen im Zentrum der Handlung, wie in „Die Mörder sind unter uns“, „Nackt unter Wölfen“ oder „Ich war 19“. (Anti-)Held der Geschichte ist der brummige Jakob Heym (Vlastimil Brodský), Einwohner eines ungenannten jüdischen Ghettos in Osteuropa. Als er sich eines Abends in der Kommandantur melden muss, hört er im Radio die Nachricht von der vorrückenden sowjetischen Front. Das Geheimnis kann er nicht für sich behalten, zumal er bemerkt, dass sich in der kleinen Stadt Hoffnung breit macht und die weniger Selbstmorde begangen werden. So sieht er sich gezwungen, ständig neue Lügen aus seinem „Radio“ zu erfinden. Schlicht in der Ausstattung, an eine brechtsche Theateraufführung erinnernd und subtil in den Mitteln rührt dieser Film dennoch auf das Tiefste. Die Kamera ist beinahe immer statisch auf die Schauplätze, die ärmlichen Wohnungen der Ghettoisierten und der Bahnhof, an dem sie Munition für die Wehrmacht verladen müssen, ausgerichtet. Die Nebenfiguren Kowalski (der großartige Erwin Geschonneck), Mischa (Henry Hübchen), der im Ghetto gar seine Liebe Rosa findet und die Waise Lina (Manuela Simon), der sich Jakob angenommen hat, sind sparsam aber prägnant charakterisiert und hervorragend interpretiert. Bemerkenswert ist auch die Farbdramaturgie: Während sich die Haupthandlung in tristen Grau- und Brauntönen abspielt, dominieren in kurzen Rückblenden heitere, helle Farben, untermalt von einem wiederkehrenden Geigenwalzer. Durch sie erheischen wir Einblicke in das Vorleben der Figuren und erfahren, dass Jakob Patissier mit eigenem kleinem Café war, eine Affäre mit einer Frau einging und sein Freund Kowalski ihn im Salon frisierte. Auf Musik verzichtet Beyer sonst vollkommen, was den Film wohltuend von kitschigen Hollywoodproduktionen abhebt. Er verlässt sich ganz auf die schauspielerischen Fähigkeiten der Darsteller und die lebensnahen Dialoge, die die Tragik und Komik der Situation widerspiegeln, etwa wenn Kowalski Jakob bedrängt ihm zu Neuigkeiten berichten und der Entnervte angibt, dass das Radio kaputt ist, woraufhin Kowalski mit einem Elektriker auftaucht, was Jakob zu weiteren Ausreden veranlasst. Oder die kleine Lina Radio hören will und Jakob im Keller mittels eines rostigen Eimers Sendungen improvisiert. Die Dramaturgie trägt aber keineswegs zur Idealisierung des Schicksals bei. Die Angst vor dem Tode und den SS-Männern, die jedoch nicht als unpersönliche Schlächter dämonisiert werden, ist allgegenwärtig. Schlüsselszene der Lügengeschichten Jakobs ist ein Gespräch mit der kleinen Lina, in der er ihr ein frei erfundenes Märchen erzählt, das von einer kranken Prinzessin handelt. Heilung verspricht sie sich nur durch eine Wolke, die ihr der Gärtnerjunge, wie gewünscht in Form eines kissengroßen Stücks Watte schenkt. Eine Wolke ist aber kein Kissen aus Watte und ebenso steht es mit Jakobs Berichten von der nahenden Befreiung. Während der letzten halben Stunde des Films löst sich diese Wolke Stück für Stück auf. Die Eltern von Rosa, Mischas Verlobter, werden deportiert, Jakob bricht zusammen und gesteht Kowalski alles, welcher daraufhin den Freitod wählt und auch er selbst muss der kleinen Lina in seiner letzten Lüge von einer Reise „soweit wie nach Afrika“ erzählen, die sie beide und die anderen Bewohner des Ghettos machen werden.

© der Film- und Personenbilder beim jeweiligen Studio/Vertrieb