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Winterdieb
L'enfant d'en haut / Sister

Frankreich, Schweiz 2012

DVD 97min

Standort

WestEnd Drama - Europa & Welt

Sprachen
Deutsch, Schweizerdeutsch   
Untertitel
Deutsch   
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Regie
Ursula Meier
Drehbuch
Gilles Taurand, Antoine Jaccoud, Ursula Meier
Kamera
Agnès Godard
Musik
John Parish
Produzent
Ruth Waldburger
Schnitt
Nelly Quettier
Schauspiel
Gillian Anderson, Léa Seydoux, Jean-François Stévenin, Kacey Mottet Klein, Martin Compston, Iannis Jaccoud
Awards
Berlinale: Silberner Bär für Ursula Meier
Genre
Drama
Stichworte
Geschwister
Inhalt
Der zwölfjährige Simon fährt im Winter mit einer kleinen Seilbahn vom Industriegebiet im Tal, wo er allein mit seiner Schwester Louise lebt, in das prächtige, höher gelegene Skigebiet. Dort stiehlt er reichen Touristen Skier und Ausrüstung, um sie an die Kinder seines Wohnblocks zu verkaufen. Er erzielt damit ein bescheidenes, aber regelmäßiges Einkommen. Simons Machenschaften nehmen mit der Zeit immer größere Ausmaße an. Louise, die vor kurzem ihre Stelle verloren hat, profitiert davon und wird immer abhängiger von Simon… (p)

Kommentare

4 Punkte von Björn Siebert:
Ursula Meiers zweiter Spielfilm Winterdieb ist ein etwas komplizierter Film. Nach tollen aber auch eher absurden "Home", das horizontale Autobahnstück, nun das vertikale Gegenstück "Winterdieb", wohnhaft am Fusse der Schweizer Alpen. Jeden Tag verlässt der junge Simon das triste Tal und fährt mit der Seilbahn hoch hinaus in einen noblen Wintersportort. Dort klaut er Skier, Brillen oder Sandwichs von den betuchten Skitouristen. Der Blick fürs Wesentliche ist dabei nicht der Blick auf die großartige Naturkulisse, sondern auf die teuern Marken und den Zustand des Diebesgut. Kamerafrau Agnes Godard begleitet den Jungen Dieb und Hehler mit Handkamera, so bleibt sie nahe dran am Geschehen und klammert Bergidylle und Naturempfinden gleichsam aus. Skiort und Tal werden dabei zu zwei Parallele-Universen stilisiert, oben die Reichen und unten das Prekariat. Der 12-jährige Simon ist dabei der Eindringling, der Dieb der oben klaut und unten als Hehler verkauft. Manchmal verkauft er auch oben aber dann nur an das arbeitende, sich von den Reichen abschottende, Volk. Die doch so eindeutige Metaphorik wird durch die Tatsache erträglich, dass Ursula Meier kein quälendes Sozialdrama im Sinn hatte und sich ganz auf die komplizierte kleine Familienstruktur zwischen Simon und seiner älteren Schwester Louise konzentriert. Diese lässt sich mehr oder weniger von ihrem Bruder aushalten, braucht das Geld für Klamotten und durchzechte Nächte mit wechselnden Freunden. So didaktisch das System von Meier zwischen Klein und Groß, zwischen Oben und Unten, zwischen Arm und Reich, zwischen Bruder und Schwester zwischen Mutter und Sohn auch ist, am Ende hilft es dem Film nicht zu bestehen. Alleine die beiden Darsteller Lea Seydoux und Kacey Mottet Klein lassen den Film echt wirken und erhalten ihn am Leben, das ästhetische Prinzip und die politische Dimension setzten den Film zu sehr zu. Die realistischen Bilder von Agnes Godard unterstützen dabei eine Art Verschleierungssystem. Keine Polizei, kein Jugendamt, keine Behörden, keine Schule. So wie Bruder und Schwester ohne Eltern (wahlweise werde sie von den beiden Protagonisten als tot oder als nicht da bezeichnet - nichts genauerer weiss man) ohne Geld (Keine Sozialhilfe?) ohne Perspektive (geht der Junge nicht zur Schule, gibt es in der Schweiz keine Schulpflicht???) dargestellt werden hat das nichts mit Realismus zu tun, sondern spielt mit zwei Figuren in einer Versuchsanordnung, wie unter einer (Schweizer-) Käseglocke, Peter Weirs "Truman Show" in den Alpen. Seltsam, man klammert ein paar Errungenschaften des Sozialstaates aus und schon wirkt das gesellschaftliche System schief und krumm wie in einem Science-Fiction-Film. Hatte Ursula Meier das vor? Oder wollte sie den Film einfach bei den wenigen Charakteren belassen? Die beiden Protagonisten spielen dabei authentisch weiter als wäre nichts gewesen, zweifelsohne, ihre Problem scheinen real, aber nicht realistisch. Das Dilemma können die beiden nicht lösen, aber sie spielen so gut, man will es ihnen nicht anlasten. Man möchte sie nur erlösen, aus dem Dilemma, aus dem Film, zurück in die wirkliche Welt. Winterdieb ist ein guter Film, ohne Zweifel, er besitzt so unfassbar toll beobachtete Momente (z.B.: Die Schwester bringt in der Nacht einen Liebhaber heim, der Junge benutzt die Filter der letzten beiden Filterzigaretten als Ohrenstöpsel), auch traut sich der Film etwas, er setzt sich inhaltlich wie ästhetisch zwischen aktivistischer sozialkritischer Parabel, Sozial- und Familiendrama. Der Brückenschlag hingegen mag nicht gelingen, wirkt lose zusammengeklebt, der Riss ist zu deutlich. Wahrscheinlich meint Ursula Meier damit den Riss in unserer Gesellschaft und das ganze ist ein wohlkalkuliertes Stück politisch motiviertes Aktionskino. Den Hauptdarstellern scheint das keiner gesagt zu haben und das ist die besten Nachricht zu diesem sehenswerten aber dennoch seltsam unausgewogenen Film.

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